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„Man darf nie aufören, sich die Welt vorzustellen, wie sie am vernünftigsten wäre“

Ein totaler Lieblingsspruch von mir, dieses Dürrenmatt Zitat. Ich formuliere es immer leicht um in „Wir dürfen nie aufhören, uns die Welt so vorzustellen, wie sie am vernünftigsten wäre“.

In unserer Welt gibt es wirklich viele Herausforderungen. Auch für Jede:n persönlich – immer wieder berufliche oder private Widrigkeiten oder Unvollkommenheiten. Dürrenmatts Sinnspruch ist für mich gar nicht so sehr als Ausdruck von Optimismus zu verstehen, sondern mehr als Aufforderung, aktiv mitzugestalten und unsere Lebensumwelt nach unserer „vernünftigen“ Vorstellung zu beeinflussen.

Denn wenn wir aufhören, uns eine „vernünftigste Welt“ vorzustellen – dann geben wir auch innerlich auf, sie zu erreichen.

Das Festhalten an unseren inneren Werten ist ein Antrieb, um Schritte zur Veränderung und zur Verbesserung zu unternehmen. Das Dürrenmatt Zitat fordert uns auf, trotz der umgebenden Realitäten, die oft sehr… realistisch (manchmal auch hart und unbarmherzig) sind, uns weiterhin eine bessere Welt vorzustellen. Also Hoffnung zu bewahren, kreativ zu denken – und uns für das einzusetzen, was wir für gut erachten.

 

Ausgerechnet ein Dürrenmatt Zitat so idealistisch?

Dürrenmatt galt nun wirklich nicht gerade als romantischer Idealist. Sein Schreiben war stark vom philosophischen Existenzialismus geprägt, oft mit Anspielungen an Absurditäten, die Zufälligkeit des Lebens, und eben mit seinen bestechend-kritischen Hinweisen zur nicht-idealen, verwerflichen („dunklen“) Seite der menschlichen Natur – unvergessen für mich zum Beispiel im „Besuch der alten Dame“.

Doch Dürrenmatt bedachte gerade dadurch eben auch eine idealistische Haltung, denke ich. Er betrachtete die Welt ja oft mit einem scharfen, kritischen Auge und stellte die soziale Gesellschaftsordnung, die menschliche Moral oder die Fähigkeit, so etwas wie „Gerechtigkeit“ und „Vernunft“ zu erreichen, auf seine künstlerische Art schriftstellerisch brilliant in Frage.

Ausgerechnet ein Dürrenmatt Zitat also soll nun als Ansporn verstanden werden, dass wir nicht vor den wie auch immer gearteten Realitäten resignieren, sondern uns eine idealisierte Version unseres eigenen Lebens vorstellen? Eine idealisierte Version, die als Maßstab für die eigene Weiterentwicklung dient?

Ja, ich glaub schon.