Wir sind gewohnt, uns Wissen räumlich vorzustellen – als so etwas wie ein Bestand, ein Archiv, eine Datei oder Speicherort. Diese Vorstellung ist nicht ganz richtig. Mein Lieblingsspruch lautet hierzu häufig: Das meiste Wissen entsteht unterwegs. Denn Wissen entsteht vor allem dadurch, dass Informationen zueinander in Beziehungen treten und aktiviert werden, weiterhin „bedeutet“ werden – und somit schließlich Ergebnisse erzeugen.
Faszinierend finde ich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Internet. Auch hier liegen ja Informationen weltweit verteilt auf Servern. Durch Verbindungen, Protokolle, Suchbewegungen, Verlinkungen, Weiterleitungen, Synchronisationen und Rückkopplungen entstehen dann Informationen und werden bedeutungsvoll: Als aktiviertes und relationelles Wissen.
Was wir als eine Antwort einer Suchmaschine erleben, ist selten ein 1:1 direkt abgerufener Gegenstand. Es ist das Ergebnis einer Bewegung durch ein Netzwerk.
Unser Gehirn: ein neuronales Netzwerk
Auch in unserem Gehirn ist Wissen nicht einfach wie ein Dokument irgendwo abgelegt. Sich zu erinnern bedeutet zumeist nicht, eine innere Datei zu öffnen. Auch wenn die Forschung tatsächlich sehr selektive, sogenannte Concept Cells gefunden hat. Das sind Neuronen, die z.B. auf verschiedene Darstellungen derselben Person bzw. desselben Objekts reagieren – berühmt wurde hierbei die so genannte „Jennifer-Aniston-Zelle“. Ich denke, Sie können sich vorstellen, wie das im groben ablief.
Ein schönes Gegenbeispiel ist die sogenannte Großmutterzellen-These. Sie betont, dass die Erinnerung an unsere Großmutter nicht in bestimmten Zellen an einem bestimmten Ort „abgespeichert“ ist. Sondern, dass dies Wissen abzurufen und sich zu erinnern ein gegenwärtiger Vorgang ist: neuronale Muster werden reaktiviert, ergänzt, gewichtet, mit Stimmung, Kontexten und aktuellem, eigenem Körperzustand verbunden. Das vergangene „Gespeicherte“ erscheint nicht als Kopie von etwas, sondern als rekonstruiertes Muster im Jetzt. Die Erinnerung kann durch Reaktivierung auch veränderbar werden – dies wird unter dem Begriff Rekonsolidierung in der Wissenschaft diskutiert.
Unser Wissen liegt also nicht bloß irgendwo im Gehirn.
Es geschieht im Gehirn.
Erinnerung an Oma – unser Wissen entsteht in Bewegung

a) Eine (kleine) Person erinnert sich an ihre Großmutter…
Das Gesicht ist nicht getrennt von der Stimme.
Die Stimme ist nicht getrennt vom Gefühl.
Das Gefühl ist nicht getrennt von verschiedenen Geschichten und Erfahrungen.
b) Die sich erinnernde Person rekonstruiert ein Muster.
Ihr Wissen zu ihrer Großmutter liegt nicht an einem bestimmten Ort im Gehirn.
Es geschieht im Gehirn – und nicht nur dort.
c) Das Wissen über die Großmutter entsteht auch zwischen weiteren Menschen.
Das Wissen zu einer Situation liegt in Fragen, Deutungen, Schweigen, Widerspruch, Resonanz oder Irritationen.
Ein Gedanke, der ausgesprochen wurde, kehrt verändert zurück.
Eine Geschichte bekommt eine veränderte Bedeutung, sobald ein anderer Mensch sie hört.
Die Familie, Freunde, Bekannte wissen zusammen oft mehr, als die einzelnen Personen aufsagen könnten.
Hier im Beispiel der Erinnerung am Familientisch wird es gut sichtbar:
Das Kind fragte seine Großmutter vielleicht etwas. Die Großmutter beugte sich zu ihm herüber. Dies stellt eine Erinnerung dar, die im Erzählen lebendig wird: Auch die Eltern hörten zu, ergänzten, lächelten. Der Moment entsteht als gemeinsames Ereignis.
Kurzum:
Wissen ist nicht nur etwas, das wir haben.
Es ist etwas, das zwischen uns geschieht.Wissen entsteht in Bewegung