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„(Nur) Wer frei ist, kann sich binden“

Es ist eine Weisheit, die Niemande*r/m zugeordnet werden kann, die in bestimmten Therapeutenkreisen vereinzelt aber wie ein Lehr(meister)spruch zitiert wird: Nur wer frei ist, kann sich binden zählt für mich als ein tiefgreifender, herausfordernder und schlauer Sinnspruch – auf den es immer wieder zuläuft, wenn ich mit Paaren oder Einzelklient*innen zusammenarbeite.

Dabei meint frei sein hier nicht bloß: ohne äußere Zwänge, ohne Erwartung(sdruck) im Umfeld. Und gleichzeitig meint sich binden nicht bloß: eine Art Vertrag unterschreiben oder treu bleiben müssen. Das wäre deutlich zu vereinfacht.

Denn spannend wird der Satz für mich erst, wenn man Freiheit nicht im Sinne von Unabhängigkeit versteht, sondern als psychologisch relevante Form im Sinne innerer Souveränität.

 

Freiheit als Möglichkeitsraum

Meistverstanden bietet uns Freiheit Aspekte wie: Ich kann gehen oder bleiben. Ich kann Ja sagen oder Nein. Ich darf wählen, ohne gezwungen zu werden.

Freiheit hat hier also mit Optionen, Rechten, Spielräumen, Unabhängigkeit und Abwesenheit von äußerem Zwang zu tun.

Existenzphilosophisch könnte sich hier anschließen:

  • Wer werde ich durch meine Wahl?
  • Wofür stehe ich ein?
  • Welche Wirklichkeit schaffe ich, indem ich mich festlege?
  • Welche Angst, Schuld, Endlichkeit und Verantwortung nehme ich damit auf mich?

 

Freiheit im Sinne innerer Souveränität

Doch ein Mensch kann äußerlich sehr frei, und innerlich trotzdem unfrei sein. Sie oder er könnte z.B. keine Verpflichtungen haben, niemandem Rechenschaft schulden, jederzeit irgendwohin reisen, Abläufe wechseln, Prozesse abbrechen — und dennoch von Bindungsangst, Kontrollbedürfnis oder narzisstischer Kränkbarkeit getrieben sein.

Umgekehrt kann eine Person äußerlich gebunden sein – an eine Beziehung, eigene Kinder, Pflege, Beruf, gegebene Versprechen – und darin eine erstaunliche innere Freiheit besitzen. Weil diese Form der Bindung nicht als eine Art Gefängnis erlebt wird, sondern als selbst bejahte Wirklichkeit.

 

„Wer frei ist, kann sich binden“ im modernen Liebesleben

Unsere weit entwickelte Gesellschaft birgt auch interessante Gegensätzlichkeiten. Sehr wahrscheinlich besitzen Menschen heutzutage so viel Freiheit, wie niemals zuvor. Und gleichzeitig erzeugen heutzutage Gedanken an Bindung bei uns häufiger diffuse oder konkrete Ängste als vormals.

Der Anspruch ist sicherlich gestiegen. Liebesbeziehungen zeichnen sich vor (inneren) Wünschen ab, die frühere Generationen in dieser Form eher nicht kannten: Eine Liebesbeziehung soll

  • emotional erfüllend sein
  • sexuell lebendig
  • psychologisch heilsam
  • ökonomisch tragfähig
  • biographisch kompatibel
  • und möglichst wenig Freiheitsverlust erzeugen

Ich denke mal, die Liste ist nicht vollständig. Dies Alles dient ja eh nur zu Ihrer werten Anregung. Und nebenbei bemerkt, schließe ich mich hier und da ausdrücklich mit ein. 🙂

Partnerschaft soll heute also Intimität ermöglichen, ohne den autonomen Kern eines „Selbst“ zu gefährden. Manch Therapeut*in hebt da die Augenbrauen. Da sind sie wieder: Die beiden großen Antagonisten, das gegensätzliche Traumpaar von Autonomie und Bindung. Sie sollen  also gerade nicht in ihrer Balance zueinander die Dynamik des Lebens erzeugen. Sondern idealerweise sollen beide sich widerspruchsfrei dem heutigen Wunsch an eine moderne Beziehung ergeben.

Ich vermute mal: das bleibt spannend…

 

Beitragsbild zu "Nur wer frei ist, kann sich binden" by Boris Laaser